Chronik des TV Rheindahlen 1883 e. V.

Als am 01.07.1883 zehn Dahlener Bürger einen Turnverein gründeten, kümmerten sie sich um den fünf Jahre vorher amtlich eingeführten Namen Rheindahlen nicht, sondern nannten den Verein „Dahlener Turnverein“. Erst einige Jahre später musste der Verein vermutlich auf behördlichen Druck in „Rheindahlener Turnverein“ umbenannt werden.

Auszug aus der strengen Gründungs-Satzung:
§ 1. Zweck des Vereins ist: Aufmunterung, Gelegenheit und Anleitung zu geregelten Leibesübungen zu geben und in den Mitgliedern sittlich mannhaften deutschen Sinn zu wecken und zu festigen.
§ 3. Aktives Mitglied kann jeder Unbescholtene werden, der das 10. Lebensjahr erreicht hat.
… Die Ausschließung eines Mitgliedes kann vom Turnrate beschlossen werden, insbesondere:
… c) wegen wiederholter unentschuldigter Nichtbeteiligung an den Turnübungen.
§ 6. Zöglinge: Junge Leute von 14 bis 16 Jahren werden von den Vorturnern in besonderen Turnstunden … unterrichtet.
§ 19. Alle störenden Reden und Handlungen, sowie auch das Rauchen etc. müssen während des Turnens unterbleiben.
§ 19a. Wer gegen den § 19 handelt, hat bei den ersten fünf Zuwiderhandlungen jedes Mal 2 Pfg. Strafe, und bei weiteren Übertretungen jedes Mal 5 Pfg. Strafe zu entrichten. Die eingezogenen Strafgelder werden zu Vergnügungen verwendet.

In den ersten beiden Jahren wurden trotz wirtschaftlicher Not ein Reck, ein alter Barren, Keulen und Turnstäbe angeschafft. 1887 übernahm der Verein das Gauturnfest. Sportlich und finanziell war es ein voller Erfolg, so dass als weiteres Sportgerät ein Pferd angeschafft werden konnte.

Das Vereinsleben war auch durch gesellschaftliche Veranstaltungen geprägt, die weit über die Grenzen Rheindahlens hinaus bekannt waren. Mindestens ein Sommer- und ein Winterfest veranstaltete der Verein im Jahr. Am Kirmessonntag wurde meistens das Sommerfest gefeiert, das Winterfest verband man möglichst mit des Kaisers Geburtstagsfeier, da man mit einem Hoch auf den Kaiser von der „Lustbarkeitssteuer“ befreit wurde.

1898 richtete der Verein zum zweiten Mal das Gauturnfest aus. Vier Sonderzüge brachten so viele Gäste nach Rheindahlen, dass die Tanzgelegenheiten auf dem Festplatz kaum ausreichten.

Um 1900 das Vereinslokal wechseln zu können, in dem wegen fehlender Sporthallen auch geturnt wurde, musste dem Wirt eine Abfindung von 25 Mark gezahlt werden.

Die große Mobilmachung 1914 erfasste auch Rheindahlen und besonders den Turnverein, da sich viele in vaterländischer Begeisterung und aus Überzeugung, für die gerechte Sache zu kämpfen, freiwillig meldeten. Dieser Krieg hat große Lücken in die Reihen der aktiven Turner gerissen. Der Neubeginn nach den unseligen Jahren 1914/18 wurde durch schikanöse Verordnungen der Besatzung sehr erschwert. So konnten lange keine Übungsabende stattfinden oder auswärtige Turnfeste besucht werden, da kein Deutscher nach 20 Uhr die Straße betreten durfte.

Der Wiederaufbau des Vereins wurde durch die Inflation, die in den Jahren 1923/24 einen katastrophalen Höhepunkt erreichte, zusätzlich erschwert. Die Vereinskasse war stets leer. Die Protokolle aus diesen Jahren enthalten fast alle den Satz: „Übungsstunden schlecht besucht, Anschaffungen sind durch nachlässige Zahlungen der Beiträge nicht möglich.“ Einen weiteren Dämpfer erhielt der Verein mit der Weltwirtschaftskrise 1929.

Auf Befehl von oben wurden 1934 die Turnvereine Rheindahlen und Mennrath in „Turnerschaft Rheindahlen-Mennrath“ vereinigt. Der Vereinsvorsitzende musste sich fortan „Führer“ nennen und jede Versammlung mit „Heil Hitler“ eröffnen. Geturnt wurde einmal in der Woche und zwar abwechselnd in Rheindahlen und in Mennrath. Die schlechte Beteiligung ließ jedoch schon nach einem Jahr diese Zwangsehe zerbrechen.

1937 mussten sich dann der Turnverein, der Sportverein und der Tennisclub zusammenschließen. Auch dieser „Verein für Leibesübungen Rheindahlen“ löste sich mit dem Ende des dritten Reiches auf.

Für den äußerst schwierigen Neuaufbau mussten nach dem Krieg als erstes die Turngeräte, die beim Bombenangriff am 25. Februar 1945 verschüttet worden waren, ausgegraben und wiederhergestellt werden. Große Schwierigkeiten ergaben sich bei der Wahl eines neuen Vorstandes. Die Amerikaner und später die Engländer sahen im deutschen Turnen eine Vorschule des Militarismus, weshalb die für den Vorstand in Frage kommenden Personen eine Unbedenklichkeits-Bescheinigung benötigten.

Am 26. Mai 1946 waren alle Hürden genommen und der „Turnverein Rheindahlen 1883“ konnte seinen Sportbetrieb wieder aufnehmen. Erstmals gab es auch eine reine Frauenturngruppe. Da jedoch alle Säle zerstört waren, musste zunächst unter freiem Himmel geturnt werden. Erst ab März 1947, und dann auch nur für ein Jahr, konnten dem Verein im Industriehof Räume zur Verfügung gestellt werden. Die im Krieg zerstörte Turnhalle des Caritas-Hauses wurde 1950 notdürftig hergerichtet. Erst jetzt konnte man von einem echten Neunfang des Vereins reden. Mit der Mitgliederzahl stieg auch wieder die Begeisterung, regelmäßig Sport treiben zu können.

Als die Turnhalle an der Max-Reger-Strasse im Jahre 1959 fertig gestellt wurde, erhielt der Turnverein weitere Übungsstunden. Da das Geräte-turnen für die Jugendlichen nicht mehr als attraktiv angesehen wurde und der Trend langsam zum Breitensport tendierte, war die Gründung von neuen Abteilungen unumgänglich, so bspw. 1962 die Trampolin- und 1968 die Volleyballabteilung.

Als 1971 der erste Teil der Bezirkssportanlage Mennrather Str. fertig wurde, verfügten die Leichtathleten endlich über eine 400m Umlaufbahn. Das Lauftraining auf der „Gracht“ rund um Rheindahlen (Bezirksverwaltung – Haus Dahlen – Beecker Str. – Helenastr. – Bezirksverwaltung)  gehörte nun der Vergangenheit an.

Mit der Eröffnung des Hallenbades am 10.09.1974 konnte der Verein eine Schwimmabteilung gründen. Innerhalb weniger Tage gingen mehrere Hundert Neuanmeldungen ein, die Mitgliederzahl verdoppelte sich von 300 auf ca. 600.

Neben dem Schwimmbad erhielt das Schulzentrum Geusenstrasse eine neue Sporthalle, so dass der Turnverein im Mai 1978 nach 80 Jahren erneut das Gauturnfest ausrichten konnte. Ca. 1.000 Sportler/innen bestritten auf der Bezirkssportanlage, in der neuen Turnhalle und dem Schwimmbad ihre Wettkämpfe. Durch zusätzliche Trainingszeiten in der modernen 3-fach Turnhalle konnte der Verein in der Folge weitere Sportarten aufnehmen und bestehende sinnvoll aufteilen. So wurde ein spezielles „Mutter-Kind-Turnen“ ins Leben gerufen, das Kinderturnen konnte in verschiedene Leistungsgruppen gegliedert werden, und das überfüllte Frauenturnen wurde gleich in drei Gruppen aufgeteilt. Die Männer trafen sich zur „Senioren-Gymnastik“. Heute wird diese Ballspielgruppe für Männer über 30 Jahren liebevoll „Rennen und Rempeln“ genannt.

Seit 1979 verfügt der Verein über einen eigenständigen Jugendausschuss mit Jugend-Satzung, dessen Aufgaben  neben der Förderung des Sports vor allem auch nicht-sportliche Freizeitaktivitäten waren und sind.

Im November 1980 konnte erstmals Yoga angeboten werden, es folgten 1984 Aerobic und 1985 Wassergymnastik. Außerdem bezog der TVR als Untermieter der Ring-Fahrschule seine erste Vereins-Geschäftsstelle, damals noch auf der Beecker Str. 16 (heute: Optiker Marson), später am Kleinen Driesch 2a.

Besonders der Fitness- und Gesundheitsbereich wurde in den Folgejahren konsequent auf- und ausgebaut: u.a. Bodyfitness, Calanatics (Cal.-Gym.),  Fatburner, Pilates, ThaiChi, Wirbelsäulengymnastik … Ende der 90er Jahre kam noch Badminton hinzu.

Im September 2001 stand das Schwimmbad kurz vor der Schließung. Der Turnverein gründete zusammen mit dem MSV und der DLRG die „Interessengemeinschaft Hallenbad Rheindahlen“ (IG.-HRhd.) und konnte so den öffentlichen Badebetrieb aufrecht erhalten.

Mit Taekwondo (2002), Walking (2003) und  Nordic-Walking (2004) wurden weitere Sportarten etabliert.

Das 125-jährige Vereinsjubiläum wurde 2008 mit vielen abwechslungsreichen Veranstaltungen gefeiert. Ein Jahr später, am 01.07.2009, wurde der TVR mit der Schlüssel- u. Nutzungsübergabe dann endlich Immobilienbesitzer. Das Vereinshaus auf der Max-Reger-Str. 55 ist seitdem Begegnungsstätte mit Vereinsgeschäftsstelle, Versammlungsraum und Jugendtreff. Zudem bietet das 1.365 m² große Grundstück vielseitige Möglichkeiten, etwa den zukünftigen (An-)Bau einer kleinen Sporthalle.

Die sehr erfolgreiche Zusammenarbeit in der IG.-HRhd. endete zum 31.12.2009. Um den Betrieb eines kommunalen Bades vor allem steuerlich und versicherungstechnisch optimal führen zu können, übernahm der MSV fortan die alleinige Verantwortung.

(Stand: 2009)